Kurzantwort - Ist freier Wille eine Illusion? Größtenteils ja. Freier Wille ist zu einem großen Teil eine Illusion. Unser Spielraum liegt nicht dort, wo wir ihn vermuten. Vieles, was uns lenkt, ist vorgegeben: durch Urgesetze, denen wir ausgeliefert sind, und durch die Grundgesetze des Lebens. Unser echter freier Wille zeigt sich vor allem in der dritten Säule - in dem, was durch Prägung, Werte und Umfeld nach unserer Geburt entstanden ist. Und die Instanz, die dort unterscheiden kann, was wirklich unseres ist, ist nicht der Kopf, sondern der Körper.
Ich bin die, die schon immer gegen das klassische System rebelliert hat. Mein Leben weicht in fast allem von der Norm ab: keine Kinder, kein fester Wohnsitz, keine Festanstellung. Ich bin digitale Nomadin und Selbstunternehmerin - niemand sagt mir, wo ich zu sein habe oder was ich zu tun habe. Auf dem Papier ist das maximale Freiheit.
Und genau in dieser Freiheit hat mich etwas erwischt, worüber kaum jemand spricht: Ich nenne sie die Ich-kann-alles-machen-Falle. Dieser Moment, in dem ich vor der offenen Welt stehe und merke: Ich könnte wirklich alles machen. Und diese Tatsache wirft mich schlagartig in maximale Überforderung.
Das klingt nach einem sehr privilegierten Erste-Welt-Problem (ist es auch), doch ändert es nichts daran, dass es einen Menschen zutiefst stressen kann, maximale Freiheit zu erfahren. Denn die Frage ist: Was davon ist wirklich meins - und was kommt von außen? Genau darum geht es hier: Wie frei sind unsere Entscheidungen eigentlich wirklich?
Die Illusion
Wir wachsen alle fremdbestimmt auf - Eltern, Schulsystem, dann Uni oder Lehre. Irgendwann kommt der Punkt, an dem wir etwas Eigenes aufbauen wollen: einen eigenen Weg gehen, freie, eigene Entscheidungen treffen. Und daran ist auch nichts falsch.
Der Punkt ist nur: Wir laufen dabei so oft einer Illusion hinterher. Diese absolute Freiheit - ich kann alles machen, was ich will - kann fast zu einem Gefängnis werden. Denn ich bin trotzdem eingeschränkt: durch das, was ich kenne, was ich gelernt habe, welche Vorbilder ich hatte, und durch das, was ich immer wieder vorgesetzt bekomme. All das beeinflusst mich, bewusst und unbewusst.
Wenn Werbung und mein Lieblingsinfluencer mir wochenlang dasselbe Deo zeigen und ich es dann kaufe - ist das mein freier Wille? Oder ist es mir eingetrichtert worden?
Das Deo ist harmlos. Aber dieselbe Mechanik läuft bei den großen Dingen. Wenn dir vorgelebt wurde, dass es sich gehört zu heiraten, ein Haus zu bauen und Kinder zu kriegen - bestätigt von Großeltern, Eltern, vielleicht sind die Geschwister schon verheiratet - dann ist die Chance groß, dass auch du irgendwo in dir denkst, dass das richtig ist. Aber ist es dann dein freier Wille? Und noch viel wichtiger: Ist es wirklich das, was dich glücklich macht?
Warum wir ohne Leitplanken nicht können
Wir Menschen sind von unserer Konstitution her Herdentiere. Halt ist ein Grundbedürfnis, vor allem emotionaler Halt, was sich in der Bindungsforschung bei kleinen Kindern schon zeigt. Und diese Suche nach Halt tragen wir ins Erwachsenenalter: Wir suchen ihn in der Gruppe, in der Familie, bei Freunden, in der Arbeitsstelle. Sich diesen Halt komplett selbst zu geben ist zwar möglich, aber es kostet auf Dauer sehr viel Energie.
Deshalb können wir ohne Leitplanken nicht leben. Wenn uns keine vorgegeben werden, setzen wir uns selber welche: unsere Werte, unsere Vorlieben - das sind letztendlich nichts anderes als selbstgesetzte Leitplanken. Auch unser Gehirn ist auf permanentem Energiesparmodus gebaut. Und Energie sparen wir uns vor allem, indem wir Entscheidungen repetitiv machen, sprich: Regeln einbauen, denen wir folgen.
Nur: Die Welt, in der wir unsere Leitplanken erkennen sollen, ist so laut geworden wie nie. So dizzy, so unecht - hunderttausend Bilder und Beiträge pro Minute, alles immer mehr bearbeitet, und mit KI kriegt das Ganze noch einmal einen ganz anderen Schwung. Gleichzeitig werden die Menschen aus ihren alten Leitplanken-Systemen immer mehr rausgerissen. Ich sage nicht, dass diese alten Strukturen immer gut waren, aber sie haben das Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit und Sicherheit befriedigt.
Das Resultat sehe ich überall: Menschen fühlen sich verlorener denn je. Die Einsamkeit steigt, die Erschöpfung steigt, die Sinnfragen häufen sich. Und auf unserer Ich-kann-alles-machen-Skala kommen viele an einen Punkt, an dem sie sich fast die strengeren Rahmenbedingungen zurückwünschen. Einfach nur, weil sie instinktiv nach mehr Führung, nach mehr Leitplanken, suchen.
Was ist also unser ultimativer Wegweiser? Wo finden sich diese wohlgesonnenen Leitplanken, die uns auch wirklich guttun?
Meine Suche
Genau dort setzt meine Arbeit an. Denn mir bricht es das Herz, immer mehr Menschen zu sehen, die im Außen alles richtig machen und sich im Inneren trotzdem verloren und immer einsamer fühlen. Zu diesen Menschen habe ich jahrelang selbst gehört. Ich war total verloren und kam mir vor wie ein Spielball äußerer Einflüsse. Ich konnte nicht unterscheiden, was wirklich meinem eigenen Glück diente, weil es mir nie jemand beigebracht hatte. Na immerhin kann ich dank des ausgetüftelten Schulsystems jetzt Goethe rauf und runter zitieren…
Nein! Ich wollte für mich einen Radar entwickeln: einen Sensor, der so fein und scharf auf mich und mein Wohlergehen eingestellt ist, dass er durch alles hindurchspüren kann. Eine Art Bullshit-Detektor.
Und ich habe wirklich sehr viele Dinge versucht. Coachings, Mentoren, Breathwork, psychedelische Reisen, hunderte Bücher - Stoizismus, Tantra, C. G. Jung, Schattenarbeit. Glaub mir, ich habe wirklich viel getestet. Und trotzdem komme ich immer wieder auf diesen einen Punkt zurück: All dieses Wissen bringt mir nichts, wenn ich es nicht an einem Ort kultiviere, auf den ich jederzeit Zugriff habe.
Und dieser eine Ort ist der Körper.
Der Körper
Der Körper ist ein unglaublich intelligentes Werkzeug, das uns zu unserer Geburt zur Verfügung gestellt wurde und das uns unser ganzes Leben lang begleitet. Er ist unser engster Mitspieler. Wir brauchen ihn, um dieses Leben, diese Welt überhaupt zu erfahren. Er ist das Gefäß für sämtliche Emotionen, Gedanken und Eindrücke, und er liefert mir zu jeder Zeit eindeutige Daten: ob ich gerade bei mir bin oder irgendwo anders.
Aber jetzt kommt der zweite Punkt: Was sind denn überhaupt meine Wahrheiten? Ich könnte meinen Körper ja theoretisch auch mit etwas Falschem verbinden. Wie kann ich unterscheiden, was mir von außen gegeben wurde, wie etwa durch Konditionierung oder durch mein Aufwachsen, und was mir gegeben wurde, lange bevor ich meine eigenen Erfahrungen in diesem Leben gesammelt habe?
Die drei Säulen
Basierend auf meinen eigenen Erfahrungen sortiert sich alles, was uns lenkt, in drei Säulen.
Von oben mitgegeben
Urgesetze & Himmelskonstellation - dein Kartenblatt. Astrologisch deutbar und deutlich älter als alles auf der Erde zusammen.
Grundgesetze des Lebens
Schlaf, Essen, Trinken, Atmen - die physischen Grenzen, denen wir auf dem Planeten Erde unterworfen sind.
Nach deiner Geburt
Prägung, Werte, Umfeld - Ort der tiefsten Fremdprägung und deines größten Spielraums.
Die erste Säule ist das, was mir zu meiner Geburt mitgegeben wurde. Und um zu verstehen, wie groß das ist, muss ich kurz ausholen. Ich spreche hier von Urgesetzen - von Kräften, die viel, viel größer sind, als dass unser Erbsenhirn sie wirklich verstehen könnte. Diese Urgesetze haben alles um uns herum erschaffen, und sie beeinflussen alles. Der Mond, der mit einer unglaublichen Power die Weltmeere bewegt (Ebbe und Flut). Das Erdmagnetfeld und die Himmelskonstellationen, an denen sich Tiere über ganze Kontinente hinweg orientieren und immer an ihr Ziel kommen. Ohne diese Kräfte gäbe es das delikate Gleichgewicht der Natur nicht: keine Jahreszeiten, kein Leben, alles würde im Chaos versinken.
Es wäre fast arrogant (oder schlichtweg naiv) zu denken, dass wir das einzige Lebewesen auf diesem Planeten sind, das davon freigestellt ist.
Und diese Wahrheit hat zwei Seiten: Ich kann mich diesen Kräften nicht widersetzen, ich bin ihnen so und so ausgeliefert. Und gleichzeitig kann ich ihnen vertrauen, denn sie handeln ganz offensichtlich zu unserem Wohl, sonst gäbe es dieses ganze System gar nicht.
Diese Kräfte haben auch auf mich gewirkt: genau zu dem Zeitpunkt, als ich geboren wurde. Das ist schließlich der Punkt, an dem ich in dieses große Spiel des Lebens eingestiegen bin. Quasi das Kartenblatt, das mir für dieses Leben geschenkt wurde.
Warum ist die eine Person akribisch ordentlich und die andere ein Chaot? Warum hat der eine leichten Zugang zu seinen Emotionen und der andere sucht ihn ein Leben lang? Welche Themen habe ich in dieses Leben mitgebracht, um sie hier zu lösen? Das lässt sich deuten - unter anderem durch die karmische Astrologie im Soul Blueprint. Aber das ist Stoff für zukünftige Artikel.
Die zweite Säule sind die Grundgesetze des Lebens. Schlaf, Essen, Trinken, Atmen - und physische Grenzen, die einfach gelten. Wer drei Nächte durchmacht, merkt schnell: Hier gibt es keinen Verhandlungsspielraum. Diese Säule muss man nicht mögen, man muss sie nur akzeptieren. Da dürfen wir gerne Musterschüler sein.
Die dritte Säule ist alles, was danach kam. Erziehung, frühkindliche Prägung, die Werte, mit denen ich aufwachse, die Freunde, die mich beeinflussen… bis hin zu meinen Vorlieben. Und diese dritte Säule ist beides zugleich: der Ort meiner tiefsten Fremdprägung und der Ort meines größten Spielraums. Genau deshalb entscheidet sich dort alles.
Also: „Freier Wille" - Illusion oder nicht?
Wenn ich ehrlich auf diese drei Säulen schaue, lautet meine Antwort: größtenteils ja.
Gegen die erste Säule kann ich mich nicht wehren - diese Kräfte gehen so weit über meinen individuellen Horizont hinaus, dass ich ihnen so und so ausgeliefert bin. Tiere sind in vollkommenem Einklang mit ihnen: Sie vertrauen ihren Instinkten und geben sich der Balance des Lebens hin. Vielleicht sind sie genau deshalb in einem Gleichgewicht, von dem wir nur träumen.
Gegen die zweite Säule kann ich mich wehren, z. B. indem ich nicht schlafe oder nichts esse. Das Ergebnis kennt jeder, der es versucht hat.
Allerdings ist das eine gute Nachricht! Diese Kräfte sind uns wohlgesonnen. Sie halten alles in Balance - auch mich, wenn ich sie lasse. Ich kann mich trotzdem dagegen wehren, das bleibt meine Entscheidung. Aber es wird mich sehr viel Anstrengung kosten und mich schlussendlich unglücklich machen. Die meisten Menschen paddeln dagegen an und wundern sich dann, warum das Leben so anstrengend ist.
Mein echter Spielraum, mein tatsächlicher freier Wille, liegt in der dritten Säule.
Der Körper als Stimmgabel
Und genau in dieser dritten Säule schließt sich der Kreis zu meinem Radar. Denn wie unterscheide ich dort, was wirklich meins ist und was mir eingetrichtert wurde? Mit dem Kopf jedenfalls nicht - der hat die Prägung ja mitgeschrieben.
Ihn zu fragen, was davon echt ist, ist, als würde ich den Fälscher bitten, das Gutachten zu erstellen.
Die Instanz, die unterscheiden kann, ist der Körper. Er ist mein Bullshit-Detektor, der anschlägt, wenn etwas nicht meins ist - eine Person, ein Angebot, ein vermeintlicher Wunsch, der bei genauem Hinspüren nur ein Echo von außen ist. Und er ist meine Stimmgabel, die mir immer wieder anzeigt, ob ich gerade in meiner Mitte bin und in meiner Wahrheit.
Wenn ich spüre, dass mir eine Person nicht guttut, meldet sich mein Körper: Ich werde gereizt, oder auf einmal schlapp, ohne zu wissen warum. Das sind Signale, die ich lesen kann, wenn ich weiß, wie. Genau das hält mich in meinem Alles-ist-möglich-Leben auf meiner Achse. Kein besserer Plan, kein weiteres Nachdenken, sondern ein trainierter Körper, dem ich zuhören kann.
Und es funktioniert auch in die andere Richtung: Der Körper zeigt nicht nur, was meine Wahrheit ist - er zeigt auch, ob ich sie schon lebe. Es ist ein glatter Widerspruch, wenn ich sage, ich bin eine fitte und gesunde Person, aber mein Körper erzählt mit starkem Übergewicht und ständiger Krankheit etwas ganz anderes. Verkörperung heißt: Das, was ich bin, wird sichtbar in dem, wie ich lebe.
Das größere Vertrauen
Letztendlich geht es gar nicht darum, ob wir einen freien Willen haben oder nicht.
Wenn man rauszoomt, ist es doch schön, dass uns von diesen Urgewalten Leitplanken vorgegeben wurden, die zu unserem höchsten Wohl dienen. Wir Menschen sind gar nicht dazu gemacht, wirklich alles komplett selbst zu entscheiden - das würde gar nicht gehen, und es würde uns nicht überlebensfähig machen. Und das gibt uns ein größeres Vertrauen ins Leben selbst.
Und weil es mir wirklich am Herzen liegt, sage ich es zum Schluss noch einmal: Ich wünsche mir, dass jeder wieder diese Brücke zu seinem Körper schlagen kann und mit ihm in Harmonie arbeitet statt gegen ihn. Denn er ist das einzige Instrument, auf das wir immer, zu jeder Zeit, Zugriff haben und das uns dorthin leitet, wo wir letztendlich hinwollen.
Es mag kitschig klingen, doch das Leben passiert irgendwo dann doch immer für uns. Und da möchte ich dich mitnehmen auf die Reise.
