12 Min. Lesezeit

Der Erdhüter: Warum es einen neuen Archetypen für unsere Zeit braucht

Michael Storz und Alexandra Kaschny sitzen entspannt mit Tassen in der Hand an einem Fenster im Gespräch, dahinter das Grün eines Baumes.

Kurzantwort - Was ist ein Erdhüter? Der Erdhüter ist ein Archetyp, den der Wildnispädagoge Michael Storz als Ergänzung zu bekannten Archetypen wie Krieger oder Heiler beschreibt. Archetypen lassen sich als innere Anteile verstehen, die bestimmte Qualitäten verkörpern. Der Krieger braucht ein Feindbild und lebt im Kampf; der Heiler braucht etwas, das geheilt werden muss. Der Erdhüter steht dagegen für Ruhe, Bodenständigkeit und die Haltung, nicht gegen etwas zu kämpfen, sondern für etwas einzustehen - und für die Erkenntnis, dass nicht jeder innere Anteil zu Ende geheilt werden muss, um bei sich anzukommen. Der Name verweist darauf, dass der Mensch Teil der Natur ist und nicht über ihr steht. Praktisch bedeutet das: sich an Naturzyklen orientieren statt an Dauerleistung, emotionale Prozesse wie ein Unwetter durchziehen lassen statt sie wegzudrücken, und Phasen des Rückzugs als notwendige Grundlage für spätere Kraft zu verstehen. Der Erdhüter bleibt dabei in der Welt - er zieht sich nicht in den Wald zurück, sondern bringt diese Haltung in Alltag, Beziehungen und Arbeit.

Ein Gespräch mit Wildnispädagoge Michael Storz über Krieger, Heiler, Naturzyklen und die Frage, warum nicht alles geheilt werden muss.

Ich habe in dieser Folge mit einem Menschen gesprochen, den ich seit vielen Jahren kenne und mit dem ich einen großen Teil meines eigenen Weges gemeinsam gegangen bin. Michael Storz ist Wildnispädagoge, er begleitet Menschen über Monate hinweg entlang der Naturzyklen, er hat Männerretreats geleitet und Gruppen eine Woche und länger in die Wildnis geführt. Und er hat sich in den letzten Jahren einen Begriff erarbeitet, den ich so vorher noch nicht gehört hatte: den Erdhüter.

Weil unser Gespräch ziemlich weit gegangen ist, fasse ich hier die Gedanken zusammen, die mir am wichtigsten waren. Die ganze Folge lohnt sich trotzdem, allein wegen der Stellen, an denen wir beide lachen mussten.

Was ein Archetyp ist und was dem Erdhüter fehlt

Archetypen kennt man aus der Männerarbeit, aus der Psychologie, aus Mythen: der Krieger, der Heiler, der Weise. Michael nimmt ihnen das Mystische und beschreibt sie als innere Anteile. Wir haben sie alle in uns, und sie können Orientierung geben, wenn man sagt, hey, diese Qualität möchte ich in mir mehr kultivieren.

Was ihm dabei aufgefallen ist: Der Krieger ist sehr im Kämpferischen. Er steht gegen etwas, er braucht vielleicht sogar ein Feindbild. Der Heiler wiederum braucht immer etwas, das geheilt werden muss.

Der Erdhüter bringt eine andere Qualität mit. Michael beschreibt ihn so:

„Der muss nicht im Kampf sein. Der weiß, dass es nicht darum geht, im Leben zu kämpfen, sondern für etwas einzustehen.“

Und zum Heiler sagt er etwas, das ich sehr bemerkenswert fand, weil es aus dem Mund eines Menschen kommt, der selbst jahrelang intensiv an sich gearbeitet hat:

„Es muss nicht alles geheilt werden. Du musst nicht alle Anteile in dir zu Ende heilen, um bei dir anzukommen.“

Ich habe ihn im Gespräch gefragt, ob der Erdhüter dann so etwas wie die Weiterentwicklung des Kriegers ist. Seine Antwort: Nein, der verdient einen eigenen Stellplatz. Er ruft eher alle anderen Archetypen an den Tisch und sagt, so Leute, jetzt hören wir mal auf, uns gegenseitig zu bekämpfen. Es geht nicht darum, ein Extrem auszuleben, sondern um eine gesunde, integrierte Balance von all diesen Anteilen.

Warum ausgerechnet die Erde

Der Name könnte ja auch anders lauten. Für Michael ist der Bezug zur Natur allerdings der Kern der Sache, und da sind wir uns ohnehin sehr nah. Mein Ansatz ist, dass alles über den Körper gehen muss - und wir sind nun mal mehr Tiere als sonst irgendetwas. Es gibt Unterschiede, klar, aber genau genommen gehören wir in die Natur und sind Natur.

Michaels Weg dorthin war allerdings ein Umweg. Wilde Jugend, dann der klassische Pfad: Wirtschaftsingenieurwesen, ein großer amerikanischer Konzern, ein Leben, wie man mit Anfang zwanzig eben denkt, dass ein Leben aussieht. Dann das Gefühl, da fehlt etwas, das ist im Kern nicht, wer ich bin. Er hat alles hinter sich gelassen, ist vier Jahre gereist und in dieser Zeit tief in Persönlichkeitsentwicklung und Heilung eingetaucht.

Und irgendwann hat er gemerkt, dass auch das wieder ein Extrem war. Alles heilen, bis ins kleinste Detail. Wir haben an dieser Stelle beide gelacht, weil wir das beide kennen - und weil Heilung in der modernen Welt eben auch eine Schublade ist, die gerne mal ausgebeutet wird. Du musst noch das und das in dir heilen, und dann erst. Ich will trotzdem anmerken, dass dieser Prozess wichtig ist und ich jeden nur ermutigen kann, sich in dieser Form kennenzulernen. Es gibt Phasen, in denen die Energie nach innen gehört. Und es gibt Phasen, in denen es nach außen gehen darf, in denen wir die Welt genießen dürfen. Das ist sehr zyklisch.

Das letzte große Kapitel seiner Reise war ein Jahr in Neuseeland, und dort ist für ihn die Verbindung zur Natur noch einmal ganz anders aufgegangen. Er hatte die Möglichkeit, tief in die Kultur der Māori einzutauchen - in eine Kultur, die Rituale und Traditionen lebt und mit der Erde so verbunden ist, wie er es vorher nicht kannte. Zurück in Deutschland stand dann die Frage im Raum: Wo gibt es das eigentlich bei uns in Europa noch?

Als ich ihn gefragt habe, welche Weisheit die Māori leben, die wir im Westen noch nicht verstanden haben, war die Antwort einfach:

„Dass es keine Trennung zwischen uns und der Natur gibt. Dass wir Natur sind und in diesem Kreislauf des Lebens eingebettet sind, wie jeder Baum, jede Pflanze und jedes Tier auch. Ganz viele Problematiken, die wir heute in der Welt haben, resultieren daraus, dass wir meinen, wir seien als Menschen darüber gestellt.“

Er hat dabei an die Sommergewitter dieses Jahres erinnert. Wenn die Natur losbricht, merkt man sehr schnell, dass man Teil dieses Kreislaufs ist und nicht darüber steht. Wir geben dann zwar unseren Hagelschaden bei der Versicherung an, aber am Unwetter selbst können wir nichts ändern.

Hingabe ist etwas anderes als Unterwerfung

Das war für mich der wichtigste Punkt im ganzen Gespräch, und ich will ihn deshalb etwas ausführlicher machen.

Michael hat gesagt, es geht nicht darum, der Natur ausgeliefert zu sein, sondern sich ihr hinzugeben. Es gibt Phasen, in denen die Sonne scheint, und Phasen, in denen es dunkel wird und der Herbst kommt. Und statt permanent der Sonne hinterherzujagen - er selbst hat das jahrelang gemacht, immer dorthin, wo es 35 Grad hat und das Leben in voller Blüte explodiert -, kann man auch sagen: Es ist gut, wenn es mal ruhiger wird.

Und ich glaube, genau da haben sehr viele Menschen ein Problem. Wir kennen nur zwei Zustände: Entweder wir sind Herr der Lage, oder wir sind dem unterworfen. Dominanz oder Unterwerfung. Hingabe ist aber eine vollkommen andere Welt, die sich auf diesem Spektrum überhaupt nicht finden lässt. Sie springt komplett aus dieser Skala raus.

Was passiert, wenn man das wirklich schafft? Michael sagt: Der innere Kampf, der Widerstand gegen das, was gerade ist, kostet wahnsinnig viel Energie. Körperlich, mental. Wenn ich die ganze Zeit in einem Zustand bin von das sollte gerade nicht so sein, das muss jetzt auf Krampf anders werden, dann zehrt das - und es äußert sich in Symptomen. Wenn ich dagegen annehmen kann, was gerade ist, kehrt eine viel tiefere Ruhe ein. Auch an einem Tag, für den ich mir eigentlich etwas ganz anderes vorgenommen hatte.

Emotionen wie ein Unwetter durchziehen lassen

Ich habe ihn gefragt, wie sein Körper darauf reagiert hat, als er angefangen hat, das zu leben. Und seine Antwort passt ziemlich genau zu dem, was ich in meiner Arbeit sehe.

Wenn eine Anspannung da ist, eine Wut, eine Trauer, dann schafft er sich Raum dafür. Er geht in die Natur und lässt es einmal durchziehen, wie ein Unwetter. Emotional, körperlich, einmal entladen. Und danach kehrt eine Ruhe ein, und die Sonne scheint wieder.

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass anstrengende emotionale Prozesse dadurch viel schneller durch sind. Jeder von uns kennt diese eine Person im Umfeld, die seit Jahren noch am Ex-Partner hängt oder sich immer noch über etwas aufregt, das 1998 passiert ist. Ich glaube, das liegt genau daran, dass dieses Unwetter nie durchziehen durfte. Und dann fühlt es sich an wie eine Bestrafung statt wie eine Erlösung.

Michael hat dazu etwas gesagt, das ich sehr ehrlich fand: Auch er kennt Momente, in denen er das alles gerade nicht fühlen will und es viel einfacher ist, in Instagram zu versinken. Nur zieht das Gewitter deshalb nicht vorbei. Es lagert sich irgendwo ab, und zwei Wochen später zwickt der Nacken. Und die Energie, die es kostet, das im Körper im Widerstand zu halten, fehlt dann an jeder anderen Stelle. Beim Jobwechsel, beim Ortswechsel, bei der schwierigen Unterhaltung. Und dann wundert sich jeder, warum er sich die meiste Zeit so elend fühlt.

Warum der Winter kein Rückschritt ist

In seiner Begleitung arbeitet Michael mit dem Bild des Jahreskreises. In welcher Phase steht jemand gerade? Sommer, alles blüht, ich will alles in die Welt tragen? Oder eher Winter? Und was braucht diese Phase?

Bei Männern, sagt er, geht es oft erst einmal darum, den Krieger anders zu beleuchten. Viele sind sehr gut darin, sich durchzubeißen und wegzudrücken. Der erste Schritt ist dann, weich zu werden - und zu merken, dass es vielleicht gerade das Gegenteil von dem braucht, was man glaubt. Die Kraft ist deshalb nicht weg. Sie darf nur aus der Stille heraus entstehen, statt aus Widerstand, Stress und Antrieb. Und dann ist sie eine ganz andere Kraft.

Was aber, wenn jemand merkt, dass er gerade im Winter hängt? Michael sagt: sich erst einmal mit dem Winter anfreunden. Es gibt einen guten Grund, warum es ihn gibt. In dieser Phase, in der im Außen scheinbar nichts passiert und wir unproduktiv sind, wird die Grundlage dafür gelegt, dass im Frühling überhaupt etwas entstehen kann.

Die Natur macht es uns vor. Viele Bäume brauchen den Winter zwingend - Obstbäume zum Beispiel müssen eine bestimmte Menge an Kälte durchlaufen, sonst treiben sie im Frühjahr nicht mehr richtig aus. Von außen sieht das nach Rückschritt aus: Sie ziehen das Wasser aus den Blättern, sie werden karg, sie wachsen nicht. Aber genau das brauchen sie, um auf lange Sicht gesund zu bleiben.

Und wenn wir auch Natur sind, gilt das auch für uns. Nur ist es in unserer Kultur so unglaublich schwer zu akzeptieren, weil wir auf permanenten Sommer getrimmt werden. Mit Kaffee, mit Arbeitszeiten, mit Leistung an sich. Ich glaube, das erste Mal, dass unser Herbst in dieser Gesellschaft überhaupt anerkannt wird, ist die Rente.

Michael hat das aus seiner Zeit als Projektmanager bestätigt: Es gab nie den Punkt, an dem man innehält, feiert, zurückschaut, ob das alles so richtig war. Es ging immer direkt im gleichen Tempo weiter. Deshalb macht er das inzwischen bewusst zum Jahresende: Was war dieses Jahr da? Was nehme ich mit, was nicht? Und dann das Jahr in Ruhe abschließen, um sich im Frühjahr neu auszurichten.

Was in der Wildnis passiert

Michael führt Gruppen in die Natur, eine Woche und länger, ohne Komfort. Ich habe ihn gefragt, was ein Mensch davon hat, der dreckig wird, die Regendusche abbekommt und sich mit der Stille konfrontiert.

Seine Antwort: Es wird erst mal einfach. Die Einflüsse des Alltags fallen weg. Das ist die ersten Tage unangenehm, auch für ihn jedes Mal wieder. Aber dann kommt man in Kontakt mit dem, was im Kern da ist. Und es entsteht Resilienz. Wer eine kalte Nacht draußen geschafft hat oder zum ersten Mal auf ursprüngliche Weise ein Feuer entzündet hat, entdeckt Qualitäten in sich, die er nicht kannte. Und zwar auf spielerische Art - in der Wildnispädagogik geht es viel darum, das innere Kind rauszulassen und wieder etwas ohne Ziel zu tun.

Zwei Sätze aus dem Gespräch nehme ich mit. Der eine ist Michaels Erinnerung an eine Übung, bei der es darum ging, einen Turm zu bauen, völlig ohne Vorgaben:

„Mein erster Gedanke war: Der muss so hoch wie möglich sein. Leistung, Leistung, Leistung. Und in diesem ganzen Prozess habe ich gemerkt, es kann vielleicht auch einfach nur der schönste Turm sein.“

Der andere:

„Kein Baum wird mich verurteilen dafür, wie ich bin, wie ich singe, wie ich denke, was ich mache.“

Ich glaube, dass uns solche Räume sehr fehlen - und dass sie sehr heilsam sind. Die Natur verurteilt dich nicht. Und wenn dann noch ein Mensch dabei ist, der dir dasselbe Gefühl gibt, kann der ganze Leistungsdruck abfallen. Dann kommt der Mensch wieder hervor, der die ganze Zeit unter den Schichten aus Konditionierung und Erwartung vergraben war.

Michael sagt übrigens, dass dafür keine verrückte Methode nötig ist. Eine einfache Erfahrung wie eine Nacht draußen reicht, um an die eigenen Themen zu kommen. Er erinnert sich noch gut daran, wie frustriert er war, als das Feuermachen nicht klappte - und wie schnell das die Frage aufgemacht hat, wie er im Leben grundsätzlich mit Scheitern umgeht.

Und wenn ich in der Stadt lebe?

Das war mir wichtig zu fragen, weil die zehntägige Wildniserfahrung für die meisten nicht der Alltag ist. Michaels Antwort: Es muss nicht die große Naturerfahrung sein. Sich in den Park setzen. Auf dem Balkon in den Himmel schauen, auch wenn darunter der Verkehr rauscht. Auch das ist auf eine Art Natur, unsere menschengemachte. Und oft entsteht daraus von allein das Bedürfnis, doch mal rauszufahren.

Ich würde ergänzen: Das ist die Eigenverantwortung eines jeden Erwachsenen, sich diesen Zyklus wieder zu ermöglichen. Wandern gehen, einen Tag für sich nehmen, in den Fluss springen. Und wenn es nur eine Zimmerpflanze ist, auch das ist ein Anfang.

Was mir an Michael gefällt, ist, dass er keines von beiden verurteilt. Er nennt sich selbst Weltenwandler: eine Woche im Wald mit dreckigen Händen, und genauso gern mit dem Laptop im Café. Es geht nicht darum, dass das Moderne schlecht ist und nur noch der Wald zählt. Es geht darum, ein Gespür dafür zu bekommen, was gerade dran ist. Der Erdhüter zieht sich nicht ins Kloster zurück. Er bleibt in dieser Welt und bringt das, was er in der Natur erfährt, in seinen Alltag und seine Beziehungen.

Das Jahr in Stille abschließen

Zum Schluss haben wir über sein Retreat gesprochen, und ich will es hier erwähnen, weil es genau das umsetzt, worüber wir die ganze Zeit gesprochen haben.

Vom 9. bis 13. Dezember lädt Michael an die Nordsee ein, in ein altes Schulgebäude aus dem 18. Jahrhundert mit Kaminöfen. Kleine Gruppe, familiär, und ganz bewusst mit Komfort - es geht nicht darum, im Sturm am Wattenmeer zu zelten, sondern darum, sich in der Vorweihnachtszeit, in der wir ohnehin wieder auf Leistung getrimmt sind, einen Gegenpol zu schaffen. Durchatmen, in die Ruhe kommen, schauen, was dieses Jahr da war, sich mit anderen austauschen. Ein bisschen Prozessarbeit, Breathwork, eine Kakao-Zeremonie, rausgehen in Wind und Dunkelheit, und das Jahr in Stille schließen.

Ich werde selbst leider nicht dabei sein können, aber ich kenne Michaels Arbeit seit vielen Jahren und weiß, mit wie viel Herz er das anleitet. Alle Infos zum Retreat findest du hier: wairua-spirit.de/retreat. Und zu Michaels Arbeit insgesamt, auch zur Einzelbegleitung entlang der Naturzyklen: wairua-spirit.de/begleitung.

Wenn du Fragen hast, melde dich gern bei Michael direkt oder bei mir.

xx Alexandra 🌹

Das ganze Gespräch mit Michael hörst du in meinem Podcast Written in the Body. Du findest ihn überall, wo es Podcasts gibt.
Der Newsletter

Abonniere den Written in the Body Newsletter

Meine Tipps, deine eigene Natur zu meistern, ein blockierender Mythos, den ich für dich ausstreiche & ein roher, ungefilterter Gedanke.

Double-Opt-in - kein Spam, jederzeit abbestellbar.