Kurzantwort - Wie helfen Rituale gegen Dauerstress? Ein Ritual gibt einer Sache wieder so viel Zeit und Raum, wie sie tatsächlich braucht. Unsere Erwartung, wie lange etwas dauern darf - ein Herzschmerz, eine Trauerphase, eine berufliche Veränderung - stammt aus einer Welt, die der Mensch selbst beschleunigt hat: Briefe wurden E-Mails, E-Mails wurden Nachrichten. Die Natur macht das nicht mit, denn sie richtet sich nach Bedingungen und nicht nach Ungeduld, und wir sind Teil davon. Wer Widerstand gegen die eigene Ist-Situation aufbaut, wird dadurch nicht schneller, sondern langsamer und unzufriedener. Ein Ritual unterscheidet sich von einer Gewohnheit dadurch, dass es Achtsamkeit und Pflege verlangt, statt automatisch im Hintergrund abzulaufen. Es ist nicht darauf ausgelegt, möglichst schnell zu passieren, sondern möglichst rein - damit die Sache selbst am besten zur Geltung kommt. Ritualisieren lassen sich Trauer, beruflicher Frust, Beziehungen und die Zeit mit sich selbst.
Wie lange darf ein Herzschmerz eigentlich dauern?
Ich glaube, jeder von uns hat darauf insgeheim eine Antwort. Genauso wie auf die Frage, wie lange es dauern darf, bis man von seinem alten Job genug hat. Wann das Maß voll ist. Wann ein Lebensabschnitt abgeschlossen ist und man wieder offen sein sollte für etwas Neues.
Auf dem Papier, und in der Logik, ist es ja auch immer ganz einfach, oder? Da erscheint es vollkommen logisch, den Job zu wechseln, wenn er einen so viel Energie kostet und die Kollegen so nervig sind. Da macht es Sinn, dass jemand, der seit Langem unglücklich in einer Beziehung ist, sie verlässt. Oder zumindest irgendetwas verändert.
Und trotzdem tut es niemand nach Plan.
Wir bekommen Handbücher geschrieben für unsere Gefühlswelt, unseren Lebenslauf, unsere Lebensumstände. Und zwar lange bevor wir überhaupt wissen, was eine Bedienungsanleitung ist. Dann versuchen wir, unser Leben damit irgendwie in den Griff zu kriegen - und wundern uns, dass es nicht passt und wir damit unglücklich sind.
Alles ist schneller geworden. Nur wir nicht.
Das hat viel damit zu tun, dass unsere Zeiten immer schneller werden.
Früher, wenn jemand in den Krieg gezogen ist, wusste niemand, wann er zurückkommt. Wenn jemand eine Postkarte aus dem Urlaub geschickt hat, war nicht vorhersehbar, ob sie Tage oder Wochen braucht. Gereist wurde mit der Kutsche, zu Pferd oder zu Fuß. Alles war irgendwie langsamer und hatte mehr Zeit, sich auszudehnen und anzukommen.
Dann wurden die Briefe zu E-Mails, und E-Mails sind innerhalb von Sekunden beim Empfänger. Immerhin haben wir die noch ein- oder zweimal am Tag gelesen. Doch dann wurden die E-Mails zu Nachrichten, auf Geräten, die wir permanent bei uns tragen. Und so geht alles ultraschnell.
Dazu kommt die Aufmerksamkeitsspanne, die immer kleiner wird. Ständig neue Reize, ständig neue Trends. Und Datingplattformen, auf denen wir hin und her swipen und unzählige Menschen scheinbar kennenlernen können - Hunderte pro Minute, wenn wir wollen. Kennenlernen in Anführungszeichen, natürlich. Früher war das anders. Da waren wir auf die Menschen begrenzt, die wirklich vor uns standen.
Und all das ist von Menschen handgemacht. Der Mensch hat die Schrift erfunden, der Mensch hat die schnellere Kommunikation erfunden, der Mensch hat das Wischen erfunden.
Das hat natürlich auch viel Gutes. Aber wir erwarten dadurch, dass wir selbst genauso schnell Fahrt aufnehmen können wie die Welt um uns herum.
Die Natur lehrt uns etwas anderes.
Klar, die Vegetation hat sich verändert, es sind andere Arten entstanden, es gab Katastrophen und Klimaumbrüche. Sogar ein Riesenmeteorit ist auf die Erde eingedroschen und hat ihre Oberfläche komplett verändert. Aber die Natur lässt sich ihre Geschwindigkeit nicht vom Wunsch vorschreiben. Sie richtet sich nach Bedingungen. Nie nach Ungeduld.
Die Natur ist nun mal kein Sprinter. Sie ist eine Ultramarathonläuferin.
Sie nimmt sich die Zeit, sie macht stetigen, aber durchgehenden Fortschritt, und genau deswegen hat sie die Ausdauer.
Und auch wir sind Natur. Wir können uns noch so viel einreden, dass wir wie Maschinen funktionieren, wir können uns dopen und unseren Körper täuschen. Doch wir sind und bleiben Tiere. Tiere mit einer extrem großen Birne und mit angeblicher Intelligenz.
Wenn wir also versuchen, mit etwas Schritt zu halten, wofür wir in unserer ursprünglichsten Form nie gemacht wurden, dann ist es irgendwo zu erwarten, dass sich etwas aus dem Gleichgewicht verschiebt.
Je schneller du sein willst, desto langsamer wirst du
Das ist meine persönliche Hypothese, und es ist das, was ich bei mir und bei anderen beobachte.
Je schneller ich versuche, über einen Herzschmerz hinwegzukommen, und je mehr Widerstand ich dagegen aufbaue, dass ich eben noch nicht darüber hinweg bin, desto länger dauert es. Je mehr ich meiner Vergangenheit entfliehen will und frustriert darüber bin, dass ich sie noch nicht hinter mir habe, desto länger brauche ich. Und je mehr ich denke, ich bin zu langsam, zu dumm, zu was auch immer, desto langsamer wird dieser Fortschritt tatsächlich.
Ich kann dir das aus meinem eigenen Leben erzählen.
Ich war lange sehr unzufrieden mit meinem Körper, ich war übergewichtig, und ich habe emotional gegessen. Und was habe ich gemacht? Ich habe versucht, das mit Crashdiäten runterzuhauen. Möglichst schnell. Möglichst weg.
Was dabei passiert ist, ist nicht, dass es schneller ging. Was passiert ist, ist, dass die Art und Weise, wie ich mit mir selber umgegangen bin, schlechter geworden ist statt besser. Ich war unzufrieden, ich war frustriert, und ich war einfach ungeduldig, dass es so lange dauert.
Der Widerstand hat mich nicht schneller gemacht. Er hat die Zeit, die ich sowieso gebraucht hätte, einfach nur unangenehmer gemacht.
Frag dich das ruhig mal für dich selbst. Wie oft warst du schon im Widerstand mit deinem eigenen Fortschritt - mit deiner Figur, mit der Zahl auf der Waage, mit deinem Kontostand, mit der Karriereleiter? Hat dich dieser Frust wirklich schneller ans Ziel gebracht? Oder vielleicht sogar langsamer? Und wie viel Energie hat er dich gekostet?
Denn wir sind zyklisch. Jeder von uns hat Phasen mit mehr Energie und Phasen mit weniger. Bei Frauen ist das gesellschaftlich etwas anerkannter, aber wir stecken alle in unseren eigenen Zyklen, und keiner weiß genau, wann einer neu beginnt oder vorbei ist.
Keiner kann dir sagen, wann bei dir die Messlatte voll ist. Wann dir der Job so auf den Sack geht, dass du wirklich etwas änderst. Was muss passieren, damit du es ernst nimmst?
Und keiner kann dir sagen, wie lange eine Trauerphase dauert. Ob ein Mensch gestorben ist, ob eine Beziehung auseinandergegangen ist, ob es eine andere Art von Trennung gab - wir wollen die Antwort immer sofort haben. Wir wollen diese Phasen immer so gerne überspringen.
Und immer, wenn wir das tun, sind wir im Widerstand mit der Phase, in der wir gerade stecken. Was uns wiederum nur noch mehr verlangsamt. Über genau diesen inneren Widerstand - und warum er uns krank macht - habe ich ausführlich in „Warum Ruhe dich genauso krank macht wie harter Hustle“ geschrieben.
Die achtsamste Tasse Tee, die ich je in den Händen hatte
Was kann man also tun?
Du kennst die üblichen Antworten. Meditation, Breathwork, sich bewusst Zeiten nehmen - alles richtig. Und nein: sich ablenken, ob mit Substanzen, mit Sex oder mit Alkohol, ist es nicht. Das verzögert den Prozess nur noch mehr.
Es geht darum, einer Sache wieder so viel Zeit und Raum zu geben, wie sie nun mal braucht. In ihrer natürlichen Geschwindigkeit und in ihrem eigenen Rhythmus.
Und dafür gibt es eine Form, die wir fast vergessen haben.
Ich weiß nicht, ob du schon einmal in Japan warst. Aber etwas, wofür Japan bekannt ist, sind die Teezeremonien. Dort wird grüner Tee sorgfältig aufgegossen, verteilt und genossen. Und das ist etwas völlig anderes als das, was wir hier machen: Teebeutel rein, kochendes Wasser drauf, ein paar Minuten warten, sich die Zunge verbrennen und das Ganze viel zu heiß nach unten schlucken.
Diese Zeremonien können sich über mehrere Stunden ziehen.
Es geht dabei in erster Linie überhaupt nicht ums Teetrinken. Es geht darum, einen Moment, eine Tätigkeit so dermaßen zu ehren, dass die Achtsamkeit für die Perfektion dieses Rituals kultiviert wird. Die Wertschätzung, die jahrelange Tradition - all das, um etwas so Simples wie das Aufgießen von Tee bis zur absoluten Perfektion zu beherrschen. Solche Rituale findet man in Japan überall, das ist tief in der Kultur verwurzelt.
Und es gibt einen guten Grund dafür. Denn wer es schafft, für etwas so Simples einen derartigen Raum der Achtsamkeit und Wertschätzung zu entwickeln, der kann es auch für die Dinge, die in unserer westlichen Skala mehr Bedeutung haben.
Ich habe nicht den Anspruch, in einer japanischen Teezeremonie möglichst schnell meine Tasse in die Hand zu bekommen. Ich habe nicht den Anspruch, dass sie nach Minute X vorbei ist. Ich habe nicht einmal den Anspruch, dass es der beste Tee ist, den ich je serviert bekomme.
Aber ich weiß durch das Ritual, dass es mit Abstand die achtsamste Tasse Tee sein wird, die ich je in den Händen gehalten habe.
Und allein schon deshalb, weil ich so lange damit verbracht habe zuzusehen, wie dieser Tee zubereitet wurde, kann ich gar nicht anders, als ihn in absoluter Präsenz zu trinken. Und jeden Schluck so viel mehr wertzuschätzen.
Warum Hirsche nicht in die Flanke stoßen
Den Begriff der Ritualisierung gibt es übrigens auch in der Verhaltensbiologie. Dort heißt so ein ritualisierter Kampf Kommentkampf. Tiere wie Menschen vollziehen eine bestimmte Sache immer nach derselben Vorgehensweise und nach denselben Schritten. Und diese Schritte sind wie ein Ehrenkodex und werden auch nicht gebrochen.
Wenn du zwei Hirsche beobachtest, die in der Brunftzeit von ihren Hormonen getrieben aufeinander losgehen, wirst du in aller Regel keinen sehen, der sein Geweih seitlich in seinen Gegner hineinrammt. Es geht Kopf an Kopf, Geweih gegen Geweih. Nur dann ist das Kräftemessen fair, nur dann ist das Ritual gültig.
Keiner von beiden macht einen Umweg. Und obwohl es viel schneller und viel einfacher wäre, dem Gegner einen in die Flanke zu geben, hat der Ehrenkodex Vorrang. Es wird ehrenvoll gekämpft. Verletzungen kommen vor, aber der Ablauf ist immer derselbe.
Jetzt könnte man einwenden, dass Rituale doch Ähnlichkeit mit Gewohnheiten haben. Der entscheidende Unterschied ist allerdings, dass Gewohnheiten automatisch im Hintergrund ablaufen, ohne dass ich darüber nachdenken oder achtsam sein muss.
Ich habe die Gewohnheit, mir die Zähne auf eine bestimmte Art zu putzen. Ich habe die Gewohnheit, mir nach dem Essen einen Nachtisch reinzuschieben. Manche haben die Gewohnheit, grundsätzlich zehn Minuten zu spät zu kommen. (Ich bin da sicher auch keine Heilige.) Das kostet keine Kraft - aber es passiert eben auch ohne mich.
Ein Ritual verlangt Achtsamkeit. Ein Ritual verlangt Pflege.
Es gibt zum Beispiel die Praxis, alte Keramik immer und immer wieder mit Tee zu benetzen, damit sie nicht brüchig wird, sondern der alte Ton weiter etwas davon aufnimmt. Das braucht Achtsamkeit, Geduld und vor allem Zeit.
Rituale sind nicht dafür da, dass sie möglichst schnell passieren. Sie sind dafür da, dass sie möglichst rein passieren. Zum höchsten Wohlwollen der Sache selbst - damit das, wofür sie gemacht sind, am besten zur Geltung kommt und am besten wertgeschätzt werden kann.
Und damit macht Ritualisierung drei Dinge auf einmal:
- Sie bringt Struktur in dein Leben.
- Sie ehrt das, was dir wichtig ist.
- Sie hält die Sache rein.
Was du ritualisieren kannst
Und jetzt kommt der Gedanke, um den es mir eigentlich geht.
Was ist, wenn es keine Bestrafung ist, dass der Herzschmerz noch nicht durch ist? Oder die Trauer um einen verlorenen Menschen?
Was ist, wenn genau darin das Geschenk eines vergessenen Rituals steckt?
Wie könnte ich diese wichtige Phase in meinem Leben - das Trauern, das Getrenntsein - so zu einem Ritual machen, dass sie für mich heilig wird? Und wenn sie heilig wird, dann ist der Schmerz nichts mehr, was ich wegdrücken muss. Dann ist er etwas, das ich ehren kann.
Genauso, wenn ich sauer auf meinen Arbeitgeber bin oder auf meine Arbeitsumstände. Wie kann ich mir diese angestaute Frustration zunutze machen und daraus ein Ritual kreieren, um für meine eigenen Bedürfnisse einzustehen?
Rituale helfen außerdem, Dinge reinzuhalten. Eine Beziehung zum Beispiel, freundschaftlich oder romantisch. Vielleicht habt ihr bereits Kinder und wünscht euch mehr Quality Time. Was wird wohl eher eingehalten: ein lose eingetragener Termin für eine irgendwo reingequetschte Date Night? Oder ein festes Ritual, auf das ihr beide vertrauen könnt, egal in welcher Phase ihr gerade steckt?
Wenn es heißt: jeden Mittwochabend ab 18 Uhr, drei Stunden - dann steht das überhaupt nicht mehr zur Diskussion. Und es kostet gar keine Kraft mehr, mit sich selbst, dem vollen Terminkalender oder dem eigenen jammernden Verstand zu verhandeln. Denn das Ritual ist heilig und darf so geehrt werden.
Das wäre dann übrigens auch kein Abend, an dem man sich mit Tiefkühlpizza schnell die Wampe vollstellt.
Und dafür braucht es gar nicht mehrere Personen. Das kannst du auch mit dir allein machen. Wann hast du dir zuletzt wirklich Zeit genommen, mit dir selber in Kontakt zu treten? Dir möglichst offen zu begegnen - deinem Blick, deinem Körper, deinem Geist? Und Wahrheiten auftauchen und aussprechen zu lassen, die dir im ganzen Trubel gar nicht bewusst waren? Genau dort setzt auch meine Arbeit mit dem Soul Blueprint an - bei dem, was schon in dir angelegt ist, lange bevor der ganze Trubel begann.
Ritualisierung ist fast so etwas wie der ehrenvolle, stilvolle Gegenpol zu unserer schnelllebigen Welt.
Mein Ritual
Ich frage dich das nicht von oben herab. Also sage ich dir meins.
Eines meiner Rituale ist der langsame Morgen. Ich schmeiße mich nicht sofort an die Arbeit und auch sonst nirgendwo hin, sondern ich mache erst einmal etwas für mich. Meistens gehe ich spazieren.
Dabei geht es nicht ums Gehen. Es geht darum, mit mir selber in Verbindung zu kommen. Wirklich reinzuspüren, wie sich mein Körper anfühlt und wie es mir geht, auf allen Ebenen.
Ein Kumpel hat neulich zu mir gesagt, er kennt niemanden, der so viel spazieren geht wie ich. Und ich habe das tatsächlich als Kompliment genommen. Es zeigt ja, dass ich mein Ritual ernst nehme - und irgendwie ist es auch schön, damit in Verbindung gebracht zu werden.
Was du gerade liest, entsteht übrigens auf genau diesen Spaziergängen.
Und dieser Podcast ist überhaupt nur entstanden, weil ich in einer sehr intensiven, sehr gefühlvollen Phase war. Und weil ich mich ihr hingegeben habe, statt sie zu überspringen. Daraus kam so viel Kreativität und Mitgefühl und so viele Ideen, dass am Ende das hier dabei herausgekommen ist.
Prüf gerne mal, was es körperlich mit dir macht, dieser Gedanke: dass Zeit keine Rolle spielt. Dass Fortschritt etwas ist, was rein vom Menschen künstlich gemessen wird. Und dass es der Natur, ehrlich gesagt, scheißegal ist.
Ich kann mir vorstellen, dass sich dein Körper dabei ein Stück entspannt. Und dass du allein dadurch schon achtsamer bist in dieser Sekunde.
Also schau für dich, ob es in deinem Leben ein wirkliches Ritual gibt. Ich würde behaupten, das Ritual, das du am ehesten noch pflegst, ist die gute Tasse Kaffee am Morgen. Im kuscheligsten Bademantel, auf dem Balkon, mit der Morgensonne im Gesicht.
Aber wo sonst? Nicht, um irgendetwas möglichst schnell zu erreichen, sondern um der Sache selber wieder in ihrer absoluten Wahrhaftigkeit in die Augen zu sehen. Sie zu entdecken und sie für das anzuerkennen, was sie ist. Ohne Widerstand, ohne Druck, ohne Anspruch.
Das ist die Lehre der Natur, und das ist die Lehre eines echten Rituals.
Und wenn du keins findest, kann ich dich nur herzlich einladen, die Ritualisierung wieder mehr in dein Leben zu lassen. Du wirst dich wundern, welche Geschenke sie für dich bereithält.
xx Alexandra 🌹
