Kurzantwort - Wie bleibt man gelassen, wenn alles schiefgeht? Entscheidend ist nicht, in der Situation eine Technik anzuwenden, sondern ein Nervensystem, das vorher trainiert wurde. Vier Muster stehen dabei im Weg. Erstens der vorauseilende Ärger: Der Gedanke, dass etwas anstrengend wird, setzt bereits Stress frei, bevor überhaupt etwas passiert ist. Zweitens das Ausweichen aus dem Körper - dissoziieren und sich an die Geschichte im Kopf hängen, statt präsent zu bleiben und zu akzeptieren, dass der eigene Einfluss manchmal sehr klein ist. Drittens fremde Gedanken: Befürchtungen aus dem Umfeld werden übernommen und für eigene Wahrheit gehalten. Viertens die Bewertung als Bestrafung statt als Aufgabe - wer eine schwierige Lage als Spiel oder Nebenquest sehen kann, bleibt handlungsfähig. Das praktische Werkzeug ist eine Frage: Was ist das Schlimmste, was passieren kann - und ist irgendetwas davon tatsächlich lebensbedrohlich? Meist geht es um Zeit und Geld, nicht um Gefahr. Diese Ruhe entsteht nicht im Moment der Krise, sondern durch regelmäßige Praxis vorher: langsame Spaziergänge, Atemarbeit, körperliches Einchecken und die Bereitschaft, unangenehme Zustände zuzulassen, statt sie mit Koffein, Zucker oder Ablenkung zu überschreiben.
Über einen Check-in von 1960, sechzehn chinesische Airlines, eine Frau namens Kelly - und die Frage, die ich mir an diesem Tag zweimal gestellt habe.
Ich schreibe hier normalerweise über Konzepte, über Muster, über den Körper. Heute mache ich etwas anderes und nehme dich einfach mit durch einen einzigen Tag von mir, weil ich glaube, dass es draußen viel zu viel theoretisches Blabla gibt. Viel zu viele Konzepte, die die tiefe Psychologie perfekt erklären, und die dann fast niemand im Day-to-Day-Life wirklich anwenden kann.
Ich erzähle das nicht, um mich irgendwie zu profilieren. Mir geht es darum, dich einmal mitzunehmen und dich da mit durchfühlen zu lassen. Denn nichts von dem, was an diesem Tag passiert ist, war geplant. Definitiv nicht. Vieles ist schiefgelaufen oder anders gekommen, als es gedacht war - und genau deswegen ist es ein gutes Beispiel dafür, was diese Arbeit eigentlich bringt.
Der Check-in von 1960
Ich hatte einen großen Reisetag vor mir. Ich hatte den Sommer in Europa verbracht, und jetzt ging es nach langer Zeit wieder auf große Reise: von Deutschland nach Asien, genau genommen nach Japan.
Reisetage verbinden ja viele Leute grundsätzlich erst mal mit Stress, und es ist ja auch stressig. Koffer packen, diese permanente Vorahnung, dass du etwas vergessen haben könntest, pünktlich am Flughafen sein, wird das Gepäck richtig eingecheckt, passt alles mit der Security. Inzwischen würde ich mich allerdings als Reiseveteranin bezeichnen, ich bin die letzten Jahre wirklich viel in Flughäfen ein- und ausgegangen. Das heißt, mein Nervensystem war da schon mal ziemlich tiefenentspannt. Ich komme also an, die Sonne scheint, und ich bin super happy: Ich hatte einen Flug gefunden mit einem Stopp in Shanghai und dann entspannt weiter nach Tokio. Großartig.
Ich hätte ja nicht ahnen können, wie verzwickt sich dieser Reisetag herausstellen würde.
Es ging schon beim Gepäck-Check-in los, allerdings nicht von meiner Seite. Der Counter, der dafür genommen wurde, war gefühlt der älteste, abgeranzteste Check-in-Counter im hintersten Eck dieses Flughafens, und entsprechend war die Technik gefühlt von 1960. Der Computer ist ständig ausgefallen, das Rollband hat nicht richtig funktioniert, ihr System ist ständig abgeschmiert. Die Schlange war lang, die Leute waren genervt, und am Ende mussten sie tatsächlich mit Zettel und Stift notieren, welches Gepäck zu welchem Flugzeug gebracht werden muss - weil es von dieser Airline drei verschiedene Flüge innerhalb von vier Stunden gab, die alle in unterschiedliche Städte in China flogen.
Das macht schon mal Spaß, wenn dein ganzer Besitz in diesen zwei Koffern ist, die du gerade abgeben sollst. Und das Schicksal dieser zwei Koffer liegt dann in den Händen einer eindeutig übermüdeten Flughafenangestellten, die bei genauem Hinschauen eine so krakelige Schrift hatte, dass es mich ehrlich gesagt gewundert hat, dass irgendjemand das noch entziffern konnte. Aber gut.
Das Muster, das losgeht, bevor überhaupt etwas passiert ist
Und hier möchte ich schon mal das erste Muster aufdecken. Denn was bei sehr vielen Menschen, und vor allem bei sehr vielen Deutschen - liebes Deutschland - standardmäßig durch den Kopf geht, wenn ein Tag so anfängt, ist: Das fängt ja schon mal ganz toll an. Großartig, ich sitze noch nicht mal im Flieger, und jetzt läuft schon alles schief.
Das ist ein Gedankenmuster, das ich in Deutschland so krass oft bemerke, und das ich zugegebenermaßen früher auch oft hatte. Ich bin früher schon genervt in eine Situation reingegangen, weil ich davon ausgegangen bin, dass sie nervig sein wird. Der Reisetag wird nervig, der Check-in wird kompliziert. Und das allein ist schon anstrengend für das System: Diese Gedanken haben sich noch überhaupt nicht bewahrheitet, aber dieser Blick in die Zukunft löst bereits Stress aus und lässt Cortisol in unseren Körper fahren.
Dabei weiß ich überhaupt nicht, ob das, was sich da alle in ihrem Kopf zusammenmalen, tatsächlich die Wirklichkeit ist. Was ist, wenn mein Gepäck völlig in Ordnung durchgeht? Wenn nichts davon eintritt? Und trotzdem habe ich es mir selber schon angetan, diesen Stress in meinem Körper freizusetzen. Eine Reise, auf die ich mich freue, wird schon mal von diesem Schatten überdeckt.
Wenn du dich mit deinem Nervensystem und mit innerer Arbeit beschäftigst, hast du die Möglichkeit, genau diese Gedankenfetzen abzufangen - und mit Übung so früh zu erkennen, dass sie sich gar nicht erst in deinem System festsetzen. Ich musste mir in dem Moment echt auf die Schulter klopfen, weil mich die genervte Stimmung um mich herum überhaupt nicht tangiert hat. Ich bin da gestanden, ein bisschen vorfreudig, ein bisschen nervös, und sonst nichts.
Die Frage, die ich mir an diesem Tag zweimal gestellt habe
Und jetzt sage ich dir, was ich in dem Moment tatsächlich gemacht habe. Denn es gibt eine Frage, die ich mir an diesem Tag mehrmals gestellt habe, und sie ist das eigentliche Werkzeug dieser ganzen Geschichte: Was ist das Schlimmste, was passieren kann?
Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass mein Gepäck in einer anderen Stadt in China landet. Und klar, da sind Klamotten drin und alles Mögliche, das wäre schade. Aber alles, was ich tatsächlich wirklich brauche, ist sowieso in meinem Handgepäck: Reisepass, Handy, Geld, Laptop, Kreditkarten. So blöd es klingt - all diese Dinge sind ersetzbar. Im allerschlimmsten Fall müsste ich mir ein paar neue Sachen kaufen. Es ist nicht so, dass irgendetwas wirklich Dramatisches hätte passieren können, außer dass ich ein bisschen Geld verloren hätte.
Und der zweite Teil dieser Frage gehört unbedingt dazu, sonst wird sie nur zur Beschwichtigung: Es geht nicht nur darum, was schlimmstenfalls passiert, sondern ob irgendetwas davon lebensbedrohlich ist. An diesem ganzen Tag war es das nie ein einziges Mal. Das kannst du morgen schon anwenden, in jeder Situation, in der du merkst, dass dein Kopf gerade anfängt zu rechnen.
Aus der Haut fahren oder atmen
Endlich war ich dran. Das System war natürlich wieder ausgefallen, aber nachdem ich mit der lieben Dame zusammen eine Viertelstunde gewartet habe, bis es wieder hochgefahren war, konnte ich meine Koffer einchecken. Hat sogar alles gepasst. Und weil ich nur nochmal sichergehen wollte, habe ich gefragt, ob das Gepäck auch tatsächlich bis Tokio durchgeht. Daraufhin hat sie mich etwas irritiert angeguckt und meinte nur: Nein, Sie müssen Ihr Gepäck in Shanghai auschecken, einsammeln und wieder neu einchecken.
Fuck. Ich gebe zu, da kam mir kurz ein Schweißtropfen. Denn erstens war die Zeit zwischen meinem ersten und meinem zweiten Flug relativ kurz, eineinhalb Stunden, um genau zu sein. Und zweitens hatte ich in meinem abgestaubten Hinterkopf die verstaubte Information, dass ich für China ein Visum brauche, um einzureisen. Das hatte ich offensichtlich nicht.
Etwas bibbernd stand ich also da und habe gefragt, ob es irgendeine Möglichkeit gibt, das Gepäck so zu vermerken, dass es durchgereicht wird. Sie meinte: Nö, keine Chance - weil ich mit einer anderen chinesischen Fluggesellschaft weiterfliege als der, mit der ich nach Shanghai komme. Deswegen war der Flug auch günstiger. Und die Krux war, dass bei der Buchungsplattform nirgendwo stand, dass ich das Gepäck selber neu einchecken muss. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass es weitergereicht wird.
Beim Visum hatte ich dann Glück: Ich habe die Frau liebevoll angeguckt und gefragt, wie das eigentlich damit ist, und sie meinte, inzwischen gebe es für Deutsche dreißig Tage Einreise ohne extra Visum. Puh, okay. (Das war der Stand an meinem Reisetag - solche Bestimmungen ändern sich, also schau für deine eigene Reise bitte selbst nach.)
An dieser Stelle hatte ich zwei Optionen, und ich konnte mich so richtig sehen, in meiner alten Version und in meiner neuen. Meine alte Version hätte sich aufgeregt oder wäre in dramatische Panik geraten. Das kann doch nicht sein, das ist ja mal richtig dreist, was für eine Scheiße. Der Punkt ist: Nichts davon ist passiert. Ich bin ruhig geblieben, habe zweimal tief durchgeatmet und konnte in dem Moment akzeptieren, dass es eben so ist.
Denn du hast immer zwei Möglichkeiten. Du kannst aus der Haut fahren - aka deinen Körper verlassen, von deinem Körper und von der Situation dissoziieren, um dich an eine Geschichte zu hängen, die dein Kopf dir vorspielt. Oder du kannst ein paar Mal tief durchatmen, in der Situation präsent bleiben und akzeptieren, dass alles, was in deiner Macht steht, manchmal verdammt wenig ist.
Und genau das war hier der Fall. Alles, was ich machen konnte, war darauf zu vertrauen, dass meine Koffer im richtigen Flugzeug sind, zum Gate zu gehen und in den Flieger zu steigen. Ich habe so richtig gemerkt, wie sich mein ganzer Körper entspannt hat, weil ich es abgegeben hatte.
Die Gedanken, die nicht deine sind
Im Flieger kam dann eine liebevolle Durchsage vom Piloten, dass wir eine halbe Stunde später losfliegen, er aber sein Bestes geben würde, den Rückstand aufzuholen. Yeah, toll. In meinem Kopf zog ich also schon mal die halbe Stunde von meinen eineinhalb Stunden in Shanghai ab und konnte nicht anders, als tief zu seufzen. Und auch da war ich allein durch mein somatisches Training in der Lage, es trotzdem zu akzeptieren - das wäre mir früher niemals gelungen. Ich kenne so viele Menschen, die schon Stunden vorher angespannt dasitzen und sich nicht mehr entspannen können, einfach nur, weil sie wissen, dass danach eine brenzlige Situation kommt.
Du weißt gar nicht, wie entspannt ich in diesem Flieger gesessen bin. Ich habe ein bisschen Filme geguckt, ich habe geschlafen, ich konnte ja sowieso nichts daran ändern. Und siehe da, ich hatte sogar noch den Mittelplatz frei.
Neben mir saß ein junger Mann, mit dem ich kurz ins Gespräch gekommen bin, und das Erste, was er zu mir sagte, war: Oh mein Gott, wir fliegen ja tatsächlich über Russland. Na, hoffentlich werden wir nicht abgeschossen. Und ich so: Toll. Das ist ja klasse. Dieser Gedanke wird auf jeden Fall helfen, diesen Flug entspannter zu machen.
Es ist schon irre, dass unser Kopf so dermaßen darauf trainiert ist, immer erst mal das Schlechteste zu sehen. Er hätte ja auch sagen können: Oh, toll, wir fliegen direkt über Russland, dann kommen wir schneller an, als wenn wir es umfliegen. Nope. Und das sind genau diese unterschwelligen Programme, die in dir ablaufen, ohne dass du es merkst. Je mehr wir im Kopf leben, desto mehr glauben wir diesen Gedanken und identifizieren uns sogar mit ihnen - und merken nicht mal, dass es eigentlich gar nicht unsere sind, sondern dass sie uns zugespielt wurden.
Mein Kopf hat etwas völlig anderes gesagt, nämlich: Zum Glück haben wir die schnellste Route, vielleicht tritt der Pilot noch ein bisschen aufs Gas. Aber das ist Training. Ich habe irgendwann für mich entschieden, dass ich keinen Bock habe, diesen negativen Gedanken die ganze Zeit zuhören zu müssen, und wollte diese Geschichte für mich umschreiben. Und seitdem ist mein Leben lustigerweise sehr viel schöner geworden.
Versteh mich nicht falsch, der junge Mann hat das nicht böse gemeint, es kam einfach so aus ihm raus. Aber wenn wir nicht schauen, worauf wir hören und was wir für uns verinnerlichen, dann sind wir eben anfällig für Einflüsse, die uns nicht dienlich sind. Offensichtlich, da dieser Text ja existiert, wurden wir nicht abgeschossen. Es gab nicht mal Turbulenzen, ich glaube, ich hatte noch nie einen so gechillten Flug, und wir sind mit zwanzig Minuten Verspätung in Shanghai gelandet.
Sechzehn Airlines und keine Ahnung
Der Airport in Shanghai ist riesig. Wir sind gelandet und haben nochmal eine Viertelstunde gebraucht, um überhaupt von der Landebahn auf den Platz zu rollen. Ich habe vorher nochmal die Stewardess gefragt, ob es wirklich so sei, dass ich mein Gepäck neu einchecken muss, und sie hat mich mit einem leicht verlegenen Lächeln angesehen und sagte nur: Viel Glück. Großartig.
Ich will überhaupt nichts über dieses Land sagen, ich kenne es zu wenig. Aber was das Einreisen angeht, stimmen die Gerüchte. Erst sollte man sich in ein Online-Formular eintragen, was nicht funktioniert hat, weil das WLAN auf meinem Handy aus irgendeinem Grund nicht ging, egal wie sehr ich es versucht habe. Ich musste mir also von zwei Dudes, die irgendwie doch Internet hatten, kurz einen Hotspot krallen. Dann bin ich wie eine Irre zur Security gejettet und hatte, glaube ich, die bösartig guckendste Polizistin vor mir sitzen, die so lange auf mein Bild gestarrt hat, dass ich Angst hatte, sie beißt mir jetzt gleich den Kopf ab. Sie hat sich richtig Zeit gelassen und mich dann gefragt, was der Grund meiner Reise ist - und ich musste die Augen verdrehen, als ich zu ihr sagte, dass ich eigentlich nur mein Gepäck will.
Den Stempel habe ich bekommen, das Gepäck kam auch zügig. Und dann gab es ein weiteres Problem, und zwar eins, an das du wirklich nicht denkst, wenn du genau genommen nur eine Stunde in diesem Land verbringen willst: In China funktionieren Dienste wie WhatsApp und Google nicht. Auch mein Google Mail nicht. Und meine Reiseinformationen waren in Google Mail.
Ich hatte mir zwar einen Screenshot vom Reiseverlauf gemacht, aber da stand nicht der Name der Airline und auch nicht, um welche Zeit der nächste Flug geht. Da stand nur, dass es einen Zwischenstopp in Shanghai gibt und zu welcher estimated time ich in Tokio lande. Fuck, sag ich dir nur. Hast du eine Ahnung, wie viele chinesische Fluggesellschaften es gibt? Und wie viele davon an einem Tag nach Tokio fliegen?
Ich stand vor dieser riesigen Tafel, mitten im Flughafen in Shanghai, und da ist mir kurz das Herz stehen geblieben. Weil ich wirklich gar keine Ahnung hatte, zu welchem Schalter ich muss und wie viel Zeit ich noch habe.
Ich glaube, sehr viele hätten jetzt richtig krass Panik geschoben. Aber ich konnte nicht anders, als einfach nur hart zu lachen - so, dass mich die Leute von links und rechts komisch angeguckt haben, weil diese Situation so dermaßen absurd war. Ich meine, wer strandet schon unter Zeitdruck allein in Shanghai am Flughafen und hat keinen Plan, wie überhaupt die Airline heißt, mit der er weiterfliegt?
Ich musste es fast wie ein Spiel sehen. Es hat sich angefühlt wie eine Sidequest, die ich absolvieren durfte und die halt jetzt etwas kniffliger geworden war. Und allein, dass ich das als Abenteuer abstempeln konnte und nicht als Bestrafung oder als zusätzlichen Stressfaktor, hat mich wirklich sehr gelassen dastehen lassen. Ich war in diesem Moment tatsächlich dankbar für diesen inneren Zustand, den ich inzwischen habe - und konnte einfach schauen, was meine nächsten Schritte sein können.
Kelly
Mein nächster Schritt war, zur Informationsdame zu gehen und zu fragen, ob sie irgendeine Idee hat, welche Airline das sein könnte, die irgendwann heute nach Tokio fliegt. Sie hat dann eine Liste von sechzehn Airlines aufgeklappt, die alle irgendwie nach Tokio fliegen, und hat mich gefragt, ob ich irgendetwas über meinen Flug weiß, wie die Airline heißt, an welchem Gate sie startet. Ich hatte absolut keine Ahnung.
Ich nenne die liebe Empfangsdame jetzt mal Kelly, weil Kelly ist wirklich meine Heldin an dieser Stelle.
Kelly hat nämlich nicht einfach gesagt, dass sie mir nicht helfen kann. Kelly hat das aus irgendeinem Grund - ich weiß nicht, ob aus Mitleid oder aus Mitgefühl - zu ihrer persönlichen Mission gemacht. Sie hat ihren Schalter verlassen, hat einen meiner Koffer gepackt und mir gesagt, dass wir jetzt zu sämtlichen Departure Gates absprinten und schauen werden, wo das sein könnte.
Gesagt, getan. Kelly und ich sprinten also mit meinen Koffern quer durch diese Departure-Halle, die riesig war, die war wie ein Stadion. Und wir beide haben einfach nur innerlich gebetet, dass es zumindest das Terminal ist, in dem wir uns gerade befinden, und nicht eines der anderen beiden - weil ich dann komplett auf die andere Seite des Flughafens hätte gehen müssen, und dann hätte ich es zeitlich wirklich nicht geschafft.
Was wir gemacht haben: Wir haben meinen Reisepass bei jeder dieser Fluggesellschaften eingescannt, nachdem sich Kelly mit Ellbogen nach vorne geboxt hatte, um zu checken, ob irgendeine davon mit meinem Pass eine Connection herstellen kann. Wir hatten bereits vier Fluggesellschaften durch, und die Zeit wurde knapp, das konnte ich irgendwie spüren. Und dann ist mir im Augenwinkel irgendein lilanes Logo aufgefallen, und ich konnte mich vage daran erinnern, dass diese chinesische Airline auf jeden Fall einen lilanen Fleck im Logo hatte.
Das war's dann tatsächlich auch. Wir sind hingerast, Kelly ist nach vorne gesprintet, und tada - wir haben die Airline gefunden, und ich konnte im letzten Moment sogar noch meine Koffer abgeben. Kelly, vermutlich musst du diesen Text nie lesen, weil du kein Deutsch sprichst, aber vielen Dank. Liebe geht raus. Ohne sie hätte ich das nie im Leben geschafft, allein schon, weil sie ihre Autorität benutzt hat, um sich an allen Schlangen vorbeizudrängeln und alle dazu zu bringen, alles stehen und liegen zu lassen, damit sie meinen Pass scannen.
Und das ist dieses Ding: In dem Moment, in dem wir etwas wirklich akzeptieren, tun sich auf einmal wieder Wege und Tore für uns auf, die wir davor überhaupt nicht auf dem Schirm hatten. Ich hätte auch irgendeine andere Person am Informationsstand erwischen können, eine, die weniger energisch und weniger sympathisch ist. Dann hätte ich es niemals rechtzeitig geschafft.
Die Feuerzeuge, der Ninja und die Verspätung
Zumindest dachte ich, ich hätte jetzt mein Ticket in der Hand. Denn die Dame am Gepäckschalter sagte, sie hätten etwas Merkwürdiges in meinem Koffer gefunden, den müssten sie erst öffnen und prüfen, und dann erst gibt sie mir mein Ticket. Ich bin in meinem Kopf durchgegangen, was es sein könnte, aber mir ist wirklich nichts eingefallen. Am Ende meinte der Beamte, dass Feuerzeuge auf gar keinen Fall eine gute Idee sind und ich sie aus meinem Koffer entfernen müsse. Ich musste meinen Koffer noch nie wegen Feuerzeugen aufmachen, aber jede Airline hat ihre eigenen Regeln. Hat mich wieder eine Viertelstunde gekostet, und langsam wurde es echt kritisch.
Und anstatt jetzt die Krise zu kriegen von wegen, oh mein Gott, ich werde meinen Flug verpassen, habe ich es eher als Herausforderung betrachtet und mir gedacht: Okay. Das lasse ich mir jetzt nicht mehr nehmen. Ich bin also wie ein Ninja durch die Security. Ich habe mir wirklich visualisiert, wie alle Leute schnell drankommen, wie ich vielleicht sogar jemanden vorlasse - und das hat tatsächlich funktioniert, frag mich nicht, wieso. Ich bin da sehr schnell durchgesneakt, und alles Weitere hat ohne Probleme funktioniert.
Danach war ich sehr froh über mein Lauftraining, denn es hat sich herausgestellt, dass das Gate, zu dem ich musste, natürlich das am weitesten entfernte war. Ich habe also mein ganzes Marathon-Lauftraining mir zunutze gemacht und bin zu diesem Gate gejettet - so sehr, dass ich fast zwei chinesische Polizisten umgerannt hätte, worüber ich sehr froh bin, dass es nicht passiert ist. Irgendwie habe ich mich gefühlt, als hätte ich gerade ein besonders schweres Level in einem Videogame abgeschlossen.
Und dann kam das Beste: Auch dieser Flug hatte Verspätung, das Boarding wurde um eine Dreiviertelstunde nach hinten geschoben. Fakt ist, wäre dieser Flug pünktlich gegangen, hätte ich ihn nicht mehr erwischt. Ich hatte sogar noch Zeit, bis das Boarding überhaupt begonnen hat, und konnte mir eine sehr, sehr leckere Suppe gönnen. Um fünf Uhr morgens - hatte ich erwähnt, dass ich mitten in der Nacht in Shanghai angekommen bin?
Ich war total übermüdet. Aber irgendwie ist mein Körper wach geblieben, mein ganzes System hat sich darauf eingestellt, dass das jetzt einfach so ist, und hat mir die Reserven zur Verfügung gestellt, die ich brauchte, um keine Fehler zu machen, nicht zu verzweifeln und dieser Aufgabe gewachsen zu sein. Ich bin letztendlich in Tokio angekommen, mit einem verspäteten Flug, der mir den Arsch gerettet hat, und ich glaube, ich habe mich noch nie so sehr über einen Flieger mit Verspätung gefreut.
Mein erster Gedanke war natürlich: Oh, das ist ja cool, sogar das Universum will, dass ich meine Reise am geplanten Tag antrete. Und ehrlicher gesagt: Das war Glück. Die Verspätung habe ich nicht gemacht. Was ich gemacht habe, war, in einem Zustand zu sein, in dem ich dieses Glück überhaupt noch nutzen konnte.
Warum das funktioniert hat
Diese Situationen sind Testumgebungen. Sie zeigen uns, wie weit wir tatsächlich schon sind.
Die Sache ist, dass wir uns in solchen Situationen nicht bewusst entscheiden können, jetzt mal die theoretischen Tools anzuwenden, die wir irgendwo in einem Buch gelesen haben. Wie gut kannst du in deinem Körper bleiben? Wie gut kannst du dich regulieren, im Autopilot, ohne darüber nachdenken zu müssen? Meine Gedanken waren sicher nicht bei ich muss jetzt tiefer atmen - mein Körper hat das inzwischen ganz automatisch gemacht.
Und das ist der Zauber eines flexiblen Nervensystems: Es bedeutet nicht, dass du immer in der Ruhe bleibst und auf jede Situation die perfekte Antwort hast. Aber es zeigt, dass du dich auf Nervensystemebene so gut ausstretchen und anpassen kannst, dass es fast egal ist, in welcher Situation du bist.
Und weil du dich jetzt vielleicht fragst, was ich mit dieser Arbeit überhaupt meine: Das ist nichts Exotisches. Es sind die Dinge, über die ich hier schon oft geschrieben habe.
- Lange, langsame Spaziergänge, bei denen alles durchrauschen darf, was da sein möchte.
- Atemarbeit und Qigong, regelmäßig, nicht als Notfallmaßnahme.
- Immer wieder mit mir einchecken: Wie fühlt sich mein Körper gerade an? Was brauche ich? Ist das jetzt Hunger oder Stress?
- Und die Bereitschaft, unangenehme Zustände da sein zu lassen, statt sie mit Kaffee, Zucker oder Ablenkung zu überschreiben.
Das war jahrelang exzessive Atemarbeit, Meditation und Achtsamkeitsübungen. An diesem Tag habe ich davon nichts gebraucht, weil es bereits der Standard war. Und das ist das Gold dieser Arbeit.
Ich hätte übrigens genauso eine gute Zeit gehabt, wenn ich den Flieger verpasst hätte, da bin ich ganz ehrlich. Und ich glaube, dass mir durch diese Akzeptanz und diese Stimmung genau das zugespielt wurde, was ich gebraucht habe: die schnelle Flugroute, Kelly, und die Verspätung des Anschlussflugs.
Wir dürfen überhaupt nicht erwarten, dass wir immer ein tiefenentspanntes Leben und tiefenentspannte Situationen haben. Aber nur weil die Welt um uns herum chaotisch und stressig ist, heißt das noch lange nicht, dass wir das auch sein müssen. Es ist unsere eigene Verantwortung und unsere Entscheidung, ob wir uns von der Negativität, vom Gejammer und vom Stress unserer Umgebung mitreißen lassen oder nicht. Und das ist eine bewusste Entscheidung, die wir am Anfang immer und immer wieder treffen müssen - und üben müssen, damit sie dann unbewusst da ist, wenn es wirklich darauf ankommt.
Ein ruhiges Nervensystem und realistischer Optimismus sind wirklich das, was dir ganz andere Türen zum Leben eröffnen kann.
Genau da setzt meine Arbeit an: bei der Beziehung zu deinem Körper und bei dem, was du mitgebracht hast, deinem Seelenplan. Wenn du wissen möchtest, wie du das für dein Leben integrieren kannst, melde dich gern bei mir. Damit auch du Meisterin deiner eigenen Natur bist - und herausfordernde Situationen als genau das siehst: als Herausforderung und nicht als Bestrafung.
xx Alexandra 🌹
