Kurzantwort - Was bringt mir innere Arbeit? Wir sind darauf konditioniert, alles an seinem Nutzen zu messen: Was bringt mir das, wozu dient es, macht es mich erfolgreicher? Diese Frage wurde uns anerzogen - gelobt wurden wir für Leistung, nicht fürs Sein. Manche Dinge existieren aber nicht, damit du erfolgreicher wirst, sondern damit dein Leben es überhaupt wert ist, darin erfolgreich zu sein. Der Mindsetshift ist, Maßstab und Orientierung zu trennen: Ein Maßstab (jemand anderes' Soll, nur Gewinnen oder Verlieren) ist nicht dasselbe wie eine Orientierung (deine eigene Richtung, ohne Bewertung). Wer aufhört zu messen, verliert nur die Bewertung, nicht die Richtung. Dein Kopf antwortet, worauf er konditioniert wurde - dein Körper rechnet nicht und zeigt ehrlich, wo es eng wird. Erfolg ist dann nicht, möglichst schnell unten anzukommen, sondern möglichst viel Airtime zu haben und sie auch wirklich mitzubekommen.
Stell dir vor, jemand springt aus einem Flugzeug und weigert sich dann, seinen Fallschirm zu öffnen. Nicht aus Panik, und auch nicht, weil er klemmt. Sondern weil er Angst hat, dass ihn das ausbremsen könnte.
Das ist verrückt, oder?
Ein Fallschirm wurde ganz offensichtlich nicht dafür gebaut, dass du schneller fällst. Er wurde für genau das Gegenteil gebaut: dass du nicht volle Kanne auf dem Boden ankommst und dich ernsthaft verletzt. Oder stirbst. Ihn danach zu beurteilen, wie schnell er dich fallen lässt, ergibt ungefähr so viel Sinn, wie einen Regenschirm daran zu messen, wie gut er sich als Ruder macht.
Und trotzdem machen wir genau das. Nicht mit Fallschirmen. Mit fast allem anderen.
Ich habe neulich einem Bekannten von meiner Arbeit erzählt. Er hat sich alles in Ruhe angehört, dann geschmunzelt und gefragt, inwiefern ihn das denn weiterbringen würde. Inwiefern ihn das erfolgreicher machen würde.
Ich habe ihn erst einmal verdutzt angesehen, weil die Antwort für mich so selbstverständlich war, dass ich sie nie hätte formulieren müssen. Und dann ist mir aufgegangen, dass er gerade ein ziemlich präziser Spiegel für etwas war, das in sehr vielen von uns läuft, ohne dass wir es überhaupt bemerken.
Er hat ja nichts abgewertet. Er hat nur die einzige Frage gestellt, die er kennt.
Die Frage, die dir eingepflanzt wurde
Wie oft spielt sich die Variation folgender Frage in deinem Kopf ab: Inwiefern bringt mich das weiter? Wozu dient mir das? Was bringt mir das?
Diese Frage haben wir uns nicht selbst ausgedacht. Sie wurde uns beigebracht.
Überleg mal für dich, wofür du als Kind gelobt wurdest. Und zwar besonders, je älter du wurdest. Wahrscheinlich weniger für etwas, das du warst, und deutlich mehr für etwas, das du getan hast. Am besten gut getan.
Es gab Lob für gute Noten. Es gab Lob für das aufgeräumte Zimmer. Es gab eher selten Lob dafür, dass du heute einfach wieder der Mensch bist, der du gestern schon warst. Ein Fach, in dem es Noten dafür gab, dass jemand einfach da ist, stand jedenfalls nicht auf meinem Stundenplan. Es ging um die Leistung, nicht um das Sein.
Ganz unbemerkt wurde damit etwas in uns hineingepflanzt: dass alles, was wir tun, was wir sagen und was wir sind, irgendeinen Zweck erfüllen muss. Spätestens in der Schule, spätestens beim Helfen im Haushalt, spätestens beim ersten selbst verdienten Taschengeld. Wir haben uns dem untergeordnet, ohne es jemals in Frage zu stellen.
Und irgendwann hörst du auf zu merken, dass du diese Frage überhaupt stellst.
Hinzu kommt: In einer hochoptimierten Gesellschaft liegt sie inzwischen über allem wie eine zweite Haut.
- Der Spaziergang ist zur Bewegung geworden. (Schritte sammeln, yey!)
- Essen ist nichts weiter als Nährstoffe.
- Freundschaft ist eher ein Netzwerk.
- Und Urlaub muss die Recovery sein von der anstrengenden Arbeit, die wir sonst machen.
Nichts darf einfach nur sein. Alles muss noch einem zweiten Zweck dienen.
Kommt bekannt vor, oder?
Und irgendwann sind eben auch Heilung und innere Arbeit auf dieser Liste gelandet. Deswegen fragt mein Bekannter, was es ihm bringt. Nicht, weil er es geringschätzt, sondern weil er es gar nicht anders gelernt hat.
Manche Dinge existieren nicht, damit du erfolgreicher wirst. Manche Dinge existieren, damit dein Leben es überhaupt wert ist, darin erfolgreich zu sein.
Wie ich meinen eigenen Fallschirm zerstört habe
Ich bin da übrigens wirklich keine Ausnahme, und ich gebe dir gern ein Beispiel aus meinem eigenen Leben.
Ich mochte immer sehr gerne lateinamerikanische Tänze. Einfach nur, weil ich die Musik so schön fand, weil es sich gut angefühlt hat, mich zu ihrem Rhythmus zu bewegen, und weil es mich glücklich gemacht hat. Das war der einzige Grund. Es gab keinen zweiten.
Und dann kam ein Punkt, an dem ich mir Maßstäbe gesetzt habe, die von außen kamen.
Ich habe angefangen, mich zu fragen, ob das denn gut genug sei. Ob ich dabei nicht vielleicht lächerlich aussehe. Ausgelöst hat das eine Anmerkung: Ein Ex-Partner hatte mir irgendwann gesagt, dass mein Tanzstil etwas komisch aussieht. Dass vor allem meine Arme anders gehören würden, als ich sie bewege.
Und ja, vielleicht stimmte das sogar. Er hat es vermutlich auch nicht böse gemeint, er wollte mir einfach einen Hinweis geben. Aber in meinem Kopf hat sich das anders abgespeichert, als er es gesagt hat.
Von da an habe ich mich gefragt, welche Bewegung wohl etwas bringt und welche von außen betrachtet korrekt wäre. Anstatt einfach weiter meiner Freude zu folgen und dabei eben nicht so auszusehen, wie jemand anderes es sich vorgestellt hat.
Was daraufhin passiert ist, ging schneller, als mir lieb war. Ich habe angefangen, mich zu schämen. Ich habe mein Selbstbewusstsein beim Tanzen verloren, und damit auch meine Freude daran. Denn Freude entsteht durch Leichtigkeit, und unter dem Druck, den ich mir selbst gemacht habe, kam da nichts mehr durch.
Ich wollte an mir arbeiten, damit es besser aussieht. Aber nicht mehr für die Freude an der Sache. Und auch nicht mehr für mich.
Die Frage, ob ich mich blamiere, hatte ich mir vorher übrigens nie gestellt. Die ist erst dazugekommen.
Damit hatte ich dem Tanzen eine Rolle zugewiesen, für die es nie gemacht war. Salsa, Bachata und Kizomba existierten in meinem Leben ursprünglich nicht, damit ich besser aussehe oder damit mich jemand anerkennt. Sie existierten, damit mein Leben es überhaupt wert ist, sich darin zu bewegen.
Um beim Bild vom Anfang zu bleiben: Ich wollte auf einmal schneller fallen. Ich hatte angefangen, meinen eigenen Fallschirm zu zerstören, damit es schneller geht.
Der Satz, auf den du gewartet hast
Und jetzt sage ich dir noch etwas, worauf du wahrscheinlich schon die ganze Zeit wartest.
Diese innere Arbeit, von der ich hier spreche, macht dich am Ende tatsächlich auch produktiver. Weniger innere Reibung bedeutet im Umkehrschluss tatsächlich einen klareren Kopf und mehr Energie, die nach vorne geht statt nach innen. Das stimmt sogar.
Und jetzt merk mal, was gerade in dir passiert ist. Da war kurz Erleichterung, oder? Nur ganz kurz.
Genau das ist das Problem. Du hast die letzten Minuten darauf gewartet, dass ich dir sage, dass es sich lohnt.
Es hätte sich beim Tanzen ja auch lohnen können. Ich hätte so hart an mir arbeiten können, dass irgendwann jede Bewegung sitzt und ich das Lob bekomme, auf das ich damals aus war. Aber die ehrliche Frage ist doch: Was genau wäre in dieser Geschichte eigentlich der Erfolg gewesen?
Wäre ich erfolgreich, wenn meine Form perfekt ist und ich jede Erwartung von außen übertreffe? Oder wäre ich nicht viel eher erfolgreich, wenn ich mich von diesem Maßstab löse, wieder meiner Freude folge und dabei mit ziemlicher Sicherheit sehr viel mehr Ausstrahlung habe als vorher?
Dein Körper rechnet nicht
Es gibt eine Instanz in dir, die bei dieser ganzen Rechnung noch nie mitgespielt hat.
Dein Körper rechnet nicht. Er hat Maßstäbe nie akzeptiert, weil er sie schlicht nicht kennt. Er meldet. Und zwar auch dann, wenn es gerade überhaupt nicht passt: vor der Präsentation, im Urlaub, am ersten freien Tag seit Wochen.
Symptome sind keine Störung deines Plans. Sie sind die einzige Stelle in dir, die nicht mitmacht.
Bei mir hat sich damals der Körper angespannt, und meine Lebensfreude ist nach unten gegangen. Genau in dem Moment, in dem ich angefangen habe, etwas an einem Maßstab zu messen, für den es nie gedacht war. Ich habe mich selbst unterdrückt, und hätte ich damals hingehört, hätte mir das früh genug gereicht.
Mein Kopf hatte nämlich eine ausgezeichnete Erklärung parat, warum es jetzt sinnvoll wäre, an meiner Form zu arbeiten, damit ich mich nicht blamiere. Mein Körper wusste die ganze Zeit, dass da ein Maßstab aufgedrückt wird, der überhaupt nicht dienlich ist.
Mein Körper hat mich nie angelogen.
Wenn du also wissen willst, ob dein Maßstab gerechtfertigt ist, dann frag nicht deinen Kopf. Der antwortet dir das, worauf er konditioniert wurde. Frag stattdessen, wo es in deinem Körper eng wird.
Und ich weiß, welche Frage jetzt kommt: Was ist denn, wenn ich aufhöre, das alles zu messen? Treibe ich dann nicht einfach ab? Mache ich dann gar nichts mehr?
Dazu gehören zwei Dinge auseinandergehalten, die die meisten von uns nie getrennt haben.
#1: Der Maßstab
Ein Maßstab sagt dir, ob du gewinnst. Er vergleicht dich mit einem Soll, das jemand anderes definiert hat, und er kennt nur zwei Ergebnisse.
#2: Die Orientierung
Eine Orientierung sagt dir, ob es auch deins ist. Sie vergleicht dich mit nichts, sie zeigt dir nur eine Richtung.
Das ist nicht dasselbe, und die allermeisten von uns haben ihr Leben lang nur das eine benutzt. Dir wird hier also nicht die Richtung genommen. Dir wird die Bewertung genommen.
Airtime
Das ist ungefähr das, was ich meinem Bekannten geantwortet habe.
Zwei Leute springen aus demselben Flugzeug. Beide fallen zunächst gleich schnell. Einer hat seinen Schirm selbst gepackt, dem anderen wurde einer umgeschnallt. Was glaubst du, wer von beiden entspannter ist?
Du entspannst dich nicht, weil du weißt, wo du landest. Du entspannst dich, weil du weißt, was du anhast.
Genau das passiert, wenn du weißt, was du mitgebracht hast: deine Prägungen, deine Muster, all das, was schon vor dir da war. Eine Garantie über die Landung bekommst du dadurch nicht. Die hast du ohnehin nie, ganz gleich, was du anhast. Was du bekommst, ist die Ruhe, den Weg nicht mehr ständig gegenprüfen zu müssen.
Meine Arbeit setzt übrigens genau dort an. Nicht bei der Frage, wo du landest, sondern bei der Frage, womit du eigentlich gesprungen bist. Wenn du deinen eigenen Ausgangspunkt wirklich verstehen willst, ist der Soul Blueprint der Ort, an dem ich anfangen würde.
Und jetzt zum eigentlichen Punkt.
Im freien Fall siehst du gar nichts. Du fällst einfach nur. Es ist laut, es ist schnell, dir dröhnt der Wind um die Ohren, und alles saust an dir vorbei. Ungefähr so, wie wenn du mit 300 Sachen über die Autobahn knatterst: Es passiert unheimlich viel, und du bekommst nichts davon mit, weil alles verschwimmt.
Erst wenn du langsamer wirst, gibt es überhaupt eine Aussicht. Das ist der einzige Teil des Sprungs, den man hinterher beschreiben kann.
Du zahlst doch nicht für einen Fallschirmsprung, der nach einer Minute vorbei ist. Du zahlst für möglichst viel Airtime. Für den Rush aus dem Flugzeug, ja, aber vor allem für die Aussicht und für diese Momente absoluter Ruhe im Gleitflug.
Und für mich ist inzwischen genau das der Erfolg: möglichst viel Airtime zu haben und sie auch wirklich mitzubekommen.
Beim Tanzen hat es bei mir eine ganze Weile gedauert, bis ich das verstanden habe. Meine Scham war irgendwann so groß, dass es mir unangenehm war, überhaupt auf die Tanzfläche zu gehen. Und vermutlich bin ich in dieser Zeit tatsächlich schlechter geworden, weil ich stocksteif wie ein Bügelbrett getanzt habe.
Aber in dem Moment, in dem mir klar wurde, dass ich die eigentliche Gewinnerin bin, wenn ich die Maßstäbe von außen loslasse und zu dem zurückkomme, weshalb ich überhaupt angefangen habe, konnte ich wieder mit voller Leidenschaft tanzen. Auch wenn nicht jeder Schritt saß. Und nebenbei bemerkt habe ich auch meinen sexy Hüftschwung zurückbekommen.
Wenn ich heute Unterricht nehme, dann aus Begeisterung und aus Liebe zu mir selbst. Nicht aus Mangel, und nicht wegen eines Maßstabs, den mir jemand hingelegt hat.
Wir werden unser Leben lang dazu erzogen, möglichst schnell unten anzukommen. Möglichst schnell die Karriereleiter hoch, möglichst schnell heiraten, möglichst schnell etwas aufbauen, möglichst schnell viel verdienen. Keine Lücke im Lebenslauf, immer nur die Eins. Oder die Sechs, wenn wir an unsere Schweizer Leserinnen denken.
Was innere Arbeit dir dagegen wirklich gibt, ist der Fallschirm zurück. Die Zeit auf dem Weg nach unten. Und die Möglichkeit, sie zu genießen, statt sie zu überstehen.
Wo du am Ende ankommst, ist dann fast zweitrangig.
Bleibt nur noch eine Frage, und die überlasse ich dir: Wann ist bei dir zuletzt Zeit langsamer geworden? Und was hast du da gemacht?
xx Alexandra 🌹
